Bis zu 200 Kilogramm schwer
„So dick wie ein Autoreifen“: Neue Riesenschlange entdeckt – Niederländer taucht neben Tier
VonMarcus Giebelschließen
Täglich werden viele neue Tierarten entdeckt. Eine zuvor unbekannte Riesenschlange ist aber doch ein kleines Wunder. Ein Experte ist aus dem Häuschen.
Rotterdam – Ein paar Sekunden vergingen schon, bis Freek Vonk seine Entdeckung in ihrer ganzen Pracht betrachtet hatte. Von hinten bis vorne, von Schwanzende bis Kopf. Mittlerweile weiß der niederländische Biologe, mit wem er es da im trüben Wasser tief im Regenwald zu tun hatte. Auf dem Grund bewegte sich eine Nördliche Grüne Anakonda in aller Seelenruhe vorwärts und ließ sich von dem für ihre Verhältnisse kleinen Zweibeiner nicht aufschrecken.
Experte entdeckt Riesenschlange: „Das ist etwas ganz Besonderes“
Bei Vonk hingegen dürfte das Herz deutlich schneller geschlagen haben – aber nicht etwa vor Panik, sondern vor Begeisterung. „Das ist etwas ganz Besonderes“, verrät der 40-Jährige im Algemeen Dagblad: „Ich habe vorher schon in Australien eine neue Art entdeckt, aber das war eine Giftschlange, so groß wie mein kleiner Finger.“
Ein Team aus 15 Wissenschaftlern aus neun Ländern stieß nun auf die Riesenschlange, die bis zu 200 Kilogramm auf die Waage bringen soll. Insgesamt seien 78 DNA-Proben von verschiedenen Exemplaren genommen worden, ehe sich die Experten sicher waren: Es gibt nicht nur eine Anakonda, sondern zwei. Neben der bislang bekannten Südlichen Grünen Anakonda eben auch die Nördliche Grüne Anakonda.
Nördliche Grüne Anakondas entdeckt: „Als hätten wir herausgefunden, dass es zwei Arten Weiße Haie gibt“
Beide seien nicht wirklich zu verwechseln, denn sie unterscheiden sich zu 5,5 Prozent. Klingt nach wenig, doch Vonk zieht diesen Vergleich heran: Mensch und Schimpanse unterscheiden sich genetisch nur zu zwei Prozent. „Es fühlt sich an, als hätten wir herausgefunden, dass es zwei Arten Weiße Haie gibt, die durch den Ozean schwimmen“, frohlockt der in den Niederlanden enorm populäre Professor an der Vrije Universiteit in Amsterdam.
Dass die nun erst entdeckte Art so lange unbekannt war, erklärt Vonk sich mit deren bevorzugtem Lebensraum. Die Riesenschlangen seien vor allem im trüben Fluss- und Sumpfwasser zu Hause: „Ich habe ein Video von mir, wie ich neben einer der größten schwimme, die ich je gesehen habe. Fast acht Meter lang, so dick wie ein Autoreifen und ein Kopf so groß wie mein Kopf. Aber wenn sie sich zwei Meter weiterbewegt, kann man sie kaum noch sehen.“
Experte wurde schon vor Jahren von Anakonda gewürgt: „Als würde Bus die Kehle zudrücken“
Vonk verbindet mit der Nördlichen Grünen Anakonda sogar schon eine längere Geschichte – denn wie ihm erst nach Veröffentlichung der Neuentdeckung bewusst wurde, ließ er ein Exemplar bereits vor einigen Jahren bedrohlich nahe an sich heran. Genauer gesagt: an seinen Hals.
Denn in besagtem Interview verriet er auch, dass er sich 2014 probeweise von einer Schlange würgen ließ. Klingt völlig verrückt – und war es auch. „Das war nicht eine meiner besseren Idee. Es fühlte sich an, als würde mir ein Bus die Kehle zudrücken“, erinnert er sich. Natürlich rät Vonk davon ab, so ein Experiment nachzuahmen, in seinem Fall standen aber genug Menschen parat, um ihn aus der misslichen Lage zu befreien: „Ich war wirklich sicher, ich wollte nur ihre Kraft spüren.“
Nachdem er diesen Würge-Versuch also geschildert hatte, sei er von vielen Fans kontaktiert worden und habe sich das Video noch einmal angeschaut – und nun auch veröffentlicht. Dabei sei ihm klar geworden: Es muss sich auch damals schon um ein, jedoch wesentlich kleineres, Exemplar der erst jetzt offiziell entdeckten Nördlichen Grünen Anakonda gehandelt haben.
Nördliche Grüne Anakonda lebt im Amazonasgebiet: „Ein Aussterben hätte enorme Folgen für die Natur“
Die auf den lateinischen Namen Eunectes akayima getaufte Art ist im Amazonasgebiet beheimatet, also im Norden Südamerikas, einschließlich Venezuela, Surinam und Französisch-Guayana. „Diese Forschung unterstreicht, wie vorsichtig wir mit unserem größten tropischen Regenwald der Welt sein müssen“, stellt Vonk klar: „Sollte ein solches Tier aussterben, hätte das enorme Folgen für die Natur.“
Laut Dirk Embert, Südamerika-Referent beim WWF Deutschland, galt die Anakonda schon vor dem Coup des Teams um Vonk als größte Schlange der Welt. Sie kann bis zu neun Meter lang werden und bis zu 250 Kilogramm auf die Waage bringen. Weltweit sind demnach etwa 3000 Schlangenarten bekannt, von denen rund 600 giftig sind. Dagegen zählen Anakondas wie Pythons zu den ungiftigen Riesenschlangen, wie auch einige Nattern töten sie ihre Beute, indem sie sie umschlingen und würgen.
Wobei dies anders abläuft, als lange Zeit gedacht, wie Vonk unter Verweis auf neue Untersuchungen erklärt. Demnach würden Würgeschlangen den Kreislauf der Opfer schwächen und ihnen so das Bewusstsein rauben: „Früher dachten wir, dass sie ihre Beute am Atmen hindern, aber das ist etwas anderes.“
Noch viele Tierarten unentdeckt: Rund 1,38 Millionen von geschätzten elf Millionen sind erfasst
Auch wenn solch riesige Tiere wie die Nördliche Grüne Anakonda dann doch eher die Ausnahme sind, werden in manchen Jahren im Schnitt 50 neue Tierarten am Tag entdeckt. Im Mai 2023 schrieben Wissenschaftler Schlagzeilen, die allein in der südostasiatischen Mekong-Region binnen zwei Jahren 380 Tier- und Pflanzenarten aufspürten.
Laut Bundesamt für Naturschutz sind weltweit rund 1,38 Millionen Tierarten wissenschaftlich erfasst, Schätzungen zufolge soll es aber bis zu elf Millionen geben. Gerade viele wirbellose Tiere seien nur regional bekannt. Deutschland gilt mit etwa 48.000 Tierarten als artenarm.
Forscher wollen den am schwersten zu fassenden Hai der Welt aufspüren. Ein Mann fängt eine angriffslustige Riesenschlange und hält den Kampf im Video fest. Forscher entdecken den mit sieben Metern wohl größten Hai der Welt. Ein Student untersucht Dinosaurierfossilien und entdeckt eine neue Art. (mg)
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