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Deutschland droht eine Wasserkrise – Ex-Umweltministerin Lemke warnt vor „echter Gefahr“
VonNils Thomas Hinsbergerschließen
Die Grundwasserkrise bedroht Deutschland: Laut einer Studie ist mehr als die Hälfte aller Landkreise betroffen. Die Parteien im Bundestag erklären ihre Forderungen.
Berlin – Deutschland steht vor einer echten Grundwasser-Krise. Die Umweltorganisation BUND veröffentlichte vor rund einer Woche eine alarmierende Studie. Mehr als der Hälfte aller Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland droht demnach massiver Grundwasserstress.
Die Probleme für Deutschlands Wasservorräte seien mannigfaltig. Eine Rolle spielen beispielsweise Verschmutzungen des vorhandenen Wassers durch Intensiv-Landwirtschaft oder Medikamentenrückstände. Andererseits sorgen verschiedene Faktoren für rückläufige Grundwasservorkommen, was wiederum zu Waldsterben, Ernteausfällen und Niedrigwasser in Flüssen führt, was vor allem die Schifffahrt vor Herausforderungen stellt.
Immer mehr Regionen leiden an Grundwassermangel – Daran ist auch der Klimaschutz schuld
Die Autoren der Studie warnen konkret: „In immer mehr Regionen Deutschlands wird das Grundwasser knapp.“ Das betreffe nicht nur Regionen, die als bekannte Trockengebiete gelten, sondern mittlerweile nahezu alle Bundesländer. Und der Klimawandel sorge durch ausbleibende Niederschläge und zunehmende Trockenheit für eine Zuspitzung des Problems. Als einen weiteren Faktor nennt die Studie die gewerbliche Wassernutzung durch Industrie, Bergbau und Landwirtschaft.
In der sich anbahnenden Krise sei die Politik gefragt, die Versorgung mit Wasser für Deutschland sicherzustellen. Wie die Parteien im Bundestag mit der Herausforderung umgehen wollen, erklären sie auf Anfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
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Wassermangel in Deutschland: So blicken SPD, Union, Grüne und Linke auf die Grundwasserstudie
Dass Deutschlands Grundwasser in Gefahr ist, erkennen so gut wie alle Parteien im Bundestag an. „Am Wasser erkennt man die volle Wucht des Klimawandels“, erklärt dazu Mark Helfrisch, umweltpolitischer Sprecher von CDU und CSU gegenüber unserer Redaktion. „Wir beobachten auf der einen Seite Starkregenereignisse, auf der anderen Seite haben wir Herausforderungen im Umgang mit dem Wasser durch regionale Trockenheiten.“
Auch der Koalitionspartner SPD sieht die Ergebnisse der BUND-Studie als Warnsignal. „Die seit Montag vorliegende Studie zeigt noch einmal: Wasser ist wertvoll und nicht einfach im Überfluss vorhanden. Das wissen wir natürlich“, sagt Dunja Kreiser, die für die Sozialdemokraten im Umweltausschuss sitzt.
Ex-Umweltministerin Lemke warnt vor drohenden Gefahren durch Grundwassermangel
Die ehemalige Bundesumweltministerin in der Ampel-Koalition Steffi Lemke (Grüne) wird gegenüber unserer Redaktion deutlich: „Die vorliegende Studie umschreibt zutreffend die besorgniserregende Wassersituation in unserem Land.“ Auch wenn aktuell keine Informationen über eine mögliche Gefahrensituation durch die drohende Grundwasserkrise vorliegen würden, sei festzuhalten, dass die Regierung „die Wasserversorgung jedoch ernst nehmen“ müsse, so Lemke. „Unsere Wasserspeicher sind in echter Gefahr – und damit am Ende auch wir Menschen.“
Für die Linken erklärt Marcel Bauer, Mitglied des Landwirtschaftsausschusses im Bundestag, dass die Studie „alarmierende Ergebnisse“ liefere. „Gerade, weil durch Wasserknappheit und Absenkung der Grundwasserspiegel zunehmend die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser bedroht wird, muss die Übernutzung und Ausbeutung unserer natürlichen Lebensgrundlagen gestoppt werden.“ Die AfD-Fraktion hat auf unsere Anfrage nicht reagiert.
Deutschland vor drohender Wasserkrise – Linke nehmen Industrie in die Pflicht
Die Autoren der Grundwasserstudie rufen die Politik umgehend zum Handeln auf. In vielen Bereichen sei es notwendig, die Wasserentnahme zu regulieren, das Wasser vor Verschmutzung zu schützen, oder durch renaturierende Maßnahmen die Bildung von Grundwasservorräten zu fördern.
Auch Linke und Grüne nehmen die Bundesregierung um Kanzler Friedrich Merz (CDU) in die Pflicht. Linken-Politiker Bauer pocht auf einheitliche Nutzungsentgelte für Grundwasservorkommen. Bundesländer wie Thüringen und Bayern erheben diese trotz der akuten Trockenheit bislang nicht.
Linken-Politiker fordert Konsequenzen von Merz-Regierung bei Trinkwasser
Er fordert zudem, dass die verantwortlichen Industriezweige, „seien es der Bergbau, die Landwirtschaft oder die industrielle Produktion“, sich an den entstehenden Kosten beteiligen. „Die Verursacher von Beeinträchtigungen der natürlichen Kreisläufe müssen zur Finanzierung von Maßnahmen zur Wiederherstellung herangezogen werden“, so Bauer. Dabei warnt er auch vor möglichen Ungerechtigkeiten. „Viel Trinkwasser und intelligente Grauwassersysteme für die, die es sich leisten können, Hitzestress und Wassersparen für die Armen – das darf nicht die Zukunft sein!“
Sondervermögen auch für Wasserschutz? Grünen-Politikerin Lemke zur Wasserkrise
Die Grünen legen den Fokus auf den Schutz natürlicher Wasserspeicher. „Das Wichtigste ist der Schutz und die Wiederherstellung naturnaher Wasserhaushalte. Moore und Flussauen sind gigantische natürliche Wasserspeicher und müssen deshalb geschützt werden“, so Lemke. Auch sie stellt die Forderung, die „zu hohe Wasserentnahme durch Industrie, Bergbau und Landwirtschaft“ zu unterbinden. „Das Sondervermögen Infrastruktur und der Klima- und Transformationsfonds des Bundes sollte genau für solche wichtigen Zukunftsfragen genutzt werden“, fordert sie.
Die SPD pocht bei der Wasserkrise auf Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“
Auch die SPD setzt zum Erhalt der Grundwasserversorgung auf den Schutz natürlicher Wasserspeicher. „Das geht durch das große Aktionsprogramm ‚Natürlicher Klimaschutz‘, das wir schon in der vergangenen Wahlperiode auf den Weg gebracht haben“, sagt Kreiser. „So können zum Beispiel Moore wiedervernässt und Auen renaturiert werden. Damit schaffen wir auch Wasserspeicher und stärken den Grundwasserpegel.“
Allerdings sei es für fundierte Handlungsstrategien notwendig, zunächst ausreichend Daten zu sammeln. „Wir müssen wissen: Wie sind die Niederschlagsstände, wie sind die Bodenwerte, wie sind die Grundwasserstände und wie sind die Entnahmen. Und gerade beim letzten Punkt sind wir noch nicht ausreichend gut“, räumt Kreiser ein. Die gelernte Wassermeisterin fordert zudem eine Umstellung der Landwirtschaft. „Ich möchte gern die Wasserwiederverwendung, die europäische Richtlinie liegt vor, in nationales Recht umsetzen. Andere Staaten sind da viel weiter, und wir werden einfach darauf angewiesen sein.“
Wassermangel in Deutschland – Union setzte auf „Wasserstrategie“ des Bundes
Erste Maßnahmen, auf die sich die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) im Koalitionsvertrag festgelegt hat, sei die sogenannte „Wasserstrategie“. CDU-Politiker Helfrich erklärt dazu: „Uns ist dabei wichtig, dass zunächst die Maßnahmen umgesetzt werden, die prioritär sind.“ Zu diesen Maßnahmen, die einen besonders hohen Stellenwert haben, zählt Helfrich die „Verfügbarkeit von Wasser“, sowie den „Naturschutz“ zum Wasserrückhalt in Flächen und der Förderung der „Grundwasserneubildung“.
Die Wasserstrategie der Bundesregierung
Die Nationale Wasserstrategie der Bundesregierung verfolgt das Ziel, den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen in Deutschland langfristig zu sichern. Sie ist eine Reaktion auf die zunehmenden Herausforderungen durch den Klimawandel, die Belastung der Gewässer mit Schadstoffen und den steigenden Nutzungsdruck auf Wasserressourcen. Die Strategie versteht Wasser als öffentliches Gut und stellt die Vorsorge in den Mittelpunkt – sowohl für die heutige Bevölkerung als auch für künftige Generationen. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD auf die Priorisierung bestimmter Inhalte der Wasserstrategie geeinigt. Außerdem soll ein Gremium zum Schutz von von Wassermangel betroffenen Flüssen eingerichtet werden.
Kritik an der Nationalen Wasserstrategie, die noch von der Vorgängerregierung unter Olaf Scholz eingesetzt wurde, kam von der NGO Campact. Sie kritisierte, dass in dem 120 Seiten langen Papier durch Lobbyarbeit der Industrie wesentliche Themen ausgelassen worden seien. Laut der NGO fehlen „gesetzliche Vorschriften, die die öffentliche Wasserversorgung priorisieren. Unternehmen erhalten oft langfristige Entnahmerechte, die die Klimakrise und die damit einhergehende zunehmende Wasserknappheit kaum berücksichtigen“.
Industrie vs. Bevölkerung – Opposition fordert Umdenken bei der Priorisierung
Über die direkten Auswirkungen des drohenden – oder in manchen Teilen Deutschlands bereits existenten – Wassermangels, weiß auch SPD-Politikerin Dunja Kreiser Bescheid. „In meinem Heimatlandkreis Wolfenbüttel musste diese Woche die Wasserentnahmen einschränkt werden, um Flüsse und das Grundwasser zu schützen“, erklärte sie auf die Anfrage unserer Redaktion. Als Ratschlag gibt sie den Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland: „Mittags Feld oder auch Rasen zu sprengen, ist eine schlechte Idee. Oft ist es nicht gut für die Pflanzen, und etwa 80 Prozent des Wassers verdunsten in der Sommersonne. Gewässert wird die Luft, nicht der Boden. Diese Verluste können wir uns nicht leisten.“
Die Linke sieht die Verantwortung für die Einsparung von Grundwasser weniger bei der Bevölkerung, als bei der wasserintensiven Industrie. „Es ist Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen dafür zu setzen, dass allen Menschen der Zugang zu Wasser gewährt wird“, sagt Lehnert. „Bevor die Bevölkerung zum privaten Wassersparen aufgefordert wird, muss zuallererst Coca-Cola, Red Bull und Tesla die Entnahme von unserem Grundwasser verboten werden!“
Grundwassermangel in Deutschland: Appelle an die Bürger, aber vor allem an Industrie
Ex-Umweltministerin Lemke erkennt eine große Bereitschaft in der Bevölkerung, auf einen sparsamen Umgang mit Wasser zu achten. „Wirklich sehr viele tun etwas dafür - Regenwasser sammeln, sparsamer Umgang, Baumpatenschaften“, so die Grünen-Politikerin. Allerdings würden sich auch zwei Drittel der Menschen in Deutschland wünschen, dass die wasserintensive Industrie für ihren Verbrauch aufkommen müsse. „Es kann auch nicht sein, dass in Bayern, Thüringen und Hessen überhaupt kein Wasserentgelt erhoben wird. Unser teuerstes Gut sollte uns mehr wert sein.“ (nhi)
Rubriklistenbild: © Patrick Pleul/dpa

